Für finanzielle Freiheit brauchst du grob das 25-Fache deiner jährlichen Ausgaben – das ist die bekannte 4-%-Regel. Wer lange vor der Rente aussteigen will, sollte vorsichtiger mit 3 bis 3,5 % rechnen, also mit dem 29- bis 33-Fachen. Die Formel lautet:
Zielvermögen = Jahresausgaben ÷ Entnahmerate
Bei 4 % ergibt das den Faktor 25, bei 3,5 % rund 28,6 und bei 3 % rund 33,3. Entscheidend ist also nicht dein Einkommen, sondern was du tatsächlich ausgibst. Wer seine Ausgaben noch nicht kennt, beginnt mit Schritt 1 aus dem Leitfaden Finanziell frei werden.
Woher kommt die 4-%-Regel?
Der Finanzplaner William Bengen hat 1994 mit US-Daten getestet, wie viel man aus einem Depot entnehmen kann, ohne dass es vorzeitig leer ist. Sein Ergebnis laut Zusammenfassung der Studie: 4 % des Startvermögens im ersten Jahr, danach jedes Jahr um die Inflation erhöht, hielten in allen getesteten Zeiträumen mindestens 33 Jahre. Mit 3 % reichte das Geld nie weniger als 50 Jahre.
Die Trinity-Studie von 1998 bestätigte das für 30 Jahre: Mit 75 % Aktien lag die Erfolgsquote bei 98 %, mit einer Hälfte Aktien, einer Hälfte Anleihen bei 95 %. Wichtig: Beide Studien rechnen mit US-Aktien und US-Anleihen und einem Zeitraum von rund 30 Jahren.
Warum du in Deutschland eher mit 3 bis 3,5 % rechnen solltest
Drei Gründe sprechen dafür, vorsichtiger zu planen als mit 4 %:
- Die USA waren ein Glücksfall. Wade Pfau hat 109 Jahre Marktdaten aus 17 Ländern ausgewertet. Selbst mit optimistischen Annahmen wäre die 4-%-Regel nur in 4 der 17 Länder „sicher“ gewesen.
- Frühe Aussteiger brauchen mehr als 30 Jahre. Die Auswertung von Early Retirement Now empfiehlt, bei einem frühen Ausstieg mit 50 oder 60 Jahren Entnahme zu rechnen. Mit 3,25 bis 3,5 % hätte das Vermögen dort selbst die schlechtesten historischen Marktphasen überstanden.
- Auch aktuelle Prognosen liegen unter 4 %. Morningstar nennt für Ruheständler 2026 eine sichere Startentnahme von 3,9 % – für 30 Jahre und mit 90 % Wahrscheinlichkeit, dass am Ende noch Geld übrig ist.
Für einen Ausstieg mit Anfang 60 und absehbarer Rente sind 4 % vertretbar. Wer mit 45 aufhören will, ist mit 3 bis 3,5 % besser beraten.
Tabelle: So viel Kapital brauchst du (Rechenbeispiel)
| Ausgaben pro Monat | Ausgaben pro Jahr | bei 4 % Entnahme | bei 3,5 % Entnahme | bei 3 % Entnahme |
|---|
| 1.500 € | 18.000 € | 450.000 € | 514.000 € | 600.000 € |
| 2.000 € | 24.000 € | 600.000 € | 686.000 € | 800.000 € |
| 2.500 € | 30.000 € | 750.000 € | 857.000 € | 1.000.000 € |
| 3.000 € | 36.000 € | 900.000 € | 1.029.000 € | 1.200.000 € |
| 4.000 € | 48.000 € | 1.200.000 € | 1.371.000 € | 1.600.000 € |
Rechenbeispiel: Jahresausgaben geteilt durch die Entnahmerate, mit Python nachgerechnet, auf volle 1.000 € gerundet. Vor Steuern und Krankenversicherung, ohne gesetzliche Rente.
Die Tabelle zeigt, wie stark die Entnahmerate wirkt: Bei 2.500 € Ausgaben liegen zwischen 4 % und 3 % genau 250.000 €. Und sie zeigt, warum niedrigere Ausgaben der stärkste Hebel sind: 500 € weniger im Monat senken den Bedarf bei 3,5 % um rund 171.000 €.
Steuern: Was von der Entnahme übrig bleibt
Die Tabelle rechnet brutto. Verkaufst du ETF-Anteile, fällt Steuer auf den Gewinnanteil an – nicht auf die gesamte Entnahme. Die Grundlagen:
- Abgeltungsteuer: 25 % nach § 32d EStG, dazu 5,5 % Solidaritätszuschlag auf die Steuer nach § 4 SolzG, zusammen 26,375 %, gegebenenfalls plus Kirchensteuer.
- Sparerpauschbetrag: 1.000 € im Jahr, bei Ehepaaren mit Zusammenveranlagung 2.000 € nach § 20 Abs. 9 EStG.
- Teilfreistellung: Bei Aktienfonds sind 30 % der Erträge steuerfrei nach § 20 InvStG.
Rechenbeispiel: Du entnimmst 24.000 € im Jahr, angenommen die Hälfte davon ist Kursgewinn. Von 12.000 € Gewinn bleiben nach 30 % Teilfreistellung 8.400 € steuerpflichtig, nach Abzug des Sparerpauschbetrags 7.400 €. Darauf fallen rund 1.952 € an, also etwa 163 € im Monat. Aus 2.000 € brutto werden rund 1.837 € netto. Je länger du entnimmst, desto größer wird der Gewinnanteil – und damit die Steuer. Plane deshalb einen Puffer ein. Wie hoch deine Steuer tatsächlich ausfällt, klärt ein Steuerberater; dieser Artikel ist keine Steuerberatung.
Krankenversicherung: der oft vergessene Posten
Wer vor der Rente aufhört zu arbeiten, ist nicht mehr über den Arbeitgeber versichert und muss sich meist freiwillig gesetzlich oder privat versichern. Laut AOK gilt 2026 für freiwillig Versicherte eine Mindestbemessungsgrundlage von 1.318,33 € im Monat; Beiträge werden also mindestens auf diesen Betrag berechnet, auch ohne Einkommen. Beitragspflichtig sind dabei auch Kapitalerträge.
Rechenbeispiel: 14,0 % ermäßigter Beitragssatz auf 1.318,33 € ergeben rund 185 € im Monat – dazu kommen Zusatzbeitrag und Pflegeversicherung. Den genauen Betrag nennt dir deine Krankenkasse. Diesen Posten musst du in deine Monatsausgaben einrechnen, bevor du in die Tabelle schaust.
Inflation: Dein Zielbetrag wandert mit
Die Europäische Zentralbank strebt mittelfristig eine Inflationsrate von 2 % an, wie sie in ihrer Strategiebewertung 2025 bestätigt hat. Rechenbeispiel: Bei 2 % Inflation pro Jahr brauchst du in 20 Jahren rund 2.972 €, um dir dasselbe zu leisten wie heute mit 2.000 €.
Für die Planung heißt das: Rechne mit heutigen Ausgaben und realen Renditen (nach Inflation) – oder erhöhe dein Ziel entsprechend. Die 4-%-Regel selbst berücksichtigt die Inflation bereits, weil die Entnahme jedes Jahr um die Teuerung steigt.
Die gesetzliche Rente als Baustein
Die gesetzliche Rente senkt ab Rentenbeginn deinen Kapitalbedarf. Die durchschnittliche Altersrente lag Ende 2025 laut Deutscher Rentenversicherung bei 1.195 € Zahlbetrag nach Kranken- und Pflegeversicherung, bei Männern 1.449 €, bei Frauen 994 €. Deinen eigenen Stand zeigt die jährliche Renteninformation.
Rechenbeispiel: Du gibst 2.500 € im Monat aus und erwartest später 1.200 € Rente netto. Ab Rentenbeginn muss dein Vermögen lediglich 1.300 € im Monat decken – bei 3,5 % Entnahme sind das rund 446.000 € statt 857.000 €. Bis zur Rente brauchst du aber zusätzlich Geld für die volle Summe. Beachte: Hörst du früher auf einzuzahlen, fällt die Rente niedriger aus als in der Hochrechnung.
Kann Trading-Einkommen die Lücke schließen?
Für eine Entnahmeplanung brauchst du Einnahmen, mit denen du rechnen kannst. Trading-Erträge sind das nicht: Sie schwanken von Monat zu Monat und können negativ sein. Das gilt auch für automatisierte Strategien wie GOLD MaXx, die auf deinem eigenen Brokerkonto laufen und vom Gewinn 30 % als Beteiligung einbehalten. Wer Trading nutzt, sollte es als Zusatz betrachten, der die Sparphase ergänzen kann – nicht als festen Posten in der Formel. Die bisherigen Ergebnisse stehen auf der Seite Ergebnisse.
Was du wissen musst, bevor du eine Zahl festlegst
- Die Regeln beruhen auf der Vergangenheit. Keine Entnahmerate ist eine Garantie; sie beschreibt, was historisch funktioniert hätte.
- Flexibilität macht den Plan robuster. Die Autoren der Trinity-Studie weisen darauf hin, dass Korrekturen unterwegs wahrscheinlich nötig sind. Wer in schlechten Börsenjahren etwas weniger entnimmt, entlastet das Depot.
- Für kurze Zeiträume ist die Tabelle zu streng. Wer mit 63 aufhört und bald Rente bekommt, braucht weniger Kapital als die Spalte mit 3 % zeigt.
- Immobilien ändern die Rechnung. Wer mietfrei wohnt, hat niedrigere Ausgaben, muss aber Instandhaltung einplanen.
- Keine Beratung. Dieser Artikel ersetzt keine Anlage- oder Steuerberatung.
Mit dem Finanzielle-Freiheit-Rechner rechnest du Zielkapital und Dauer mit deinen eigenen Zahlen aus.
Nimm deine Monatsausgaben, rechne Krankenversicherung und einen Steuerpuffer dazu und lies in der Tabelle ab, welches Zielvermögen für dich gilt.